Gründe fürs Gründen

Die Startup-Szene:  In Deutschland eine kreative Spielwiese für Hipster, Hacker und gewiefte Tüftler – viele von ihnen Studenten, die mit Codes und Crispr Marketing, Clean- und Biotech neu aufmischen. In Afrika ist die Gründerszne weniger ein Tummelplatz für verkannte Genies, Weltverbesserer und Möchtegern-Millionäre – eher schon eine unvermeidliche Notwendigkeit. Woran liegt’s?

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„Dein Tag zum Gründen“ 10. Juli 2014 Startplatz Köln

Demografie Deutschland

Bekanntermaßen altert in Deutschland die Bevölkerung. Es gibt mehr Alte als Junge, mehr Rentner und Transferabhängige als Werktätige, Steuer- und Beitragszahler.

Die sozialen Sicherungssyssteme geraten an ihre Grenzen – allein der personelle Aufwand und die Kosten der Pflege lassen sich durch die zahlenmäßig unterbesetzte junge Generation kaum noch stemmen. Aber auch die nach dem One-Man-One-Vote-Grundsatz überproportionale politische Macht der Oldies könnte für die Jüngeren in die Sackgasse führen – nach den Spielregeln der Demokratie droht den jungen Generationen der Abstieg zur unterdrückten Minderheit. Eine Minderheit, die arbeitet und zahlt, aber nicht mitbestimmt.

Eine besorgnisregende Begleiterscheinung könnte darin bestehen, dass die seniore Dominanz nicht nur auf die sozialen Sicherheitssysteme drückt, sondern auch reaktionär-zukunftsfeindlichen Politik-Konzepten zuspielt.

Demografie kein Startup-Treiber

Unabhängig von der demografischen Gesamtsituation liefert die Startup-Szene neue Ideen und Business-Modelle. Letztere werden von der etablierten Unternehmenslandschaft aufgenommen und adaptiert, oder sie führen dort zum Austausch überholter Technologien und Geschäftsmodelle.

Zur Auflösung der prekären Generationen-Beziehung trägt die Startup-Kultur wohl kaum bei – sie spielt sich auf einer anderen Bühne ab, und wenn sie Probleme löst, sind es keine demografischen.

Prof_Ogouwale_offre_des_programmes_de_la_professionalisation_sur_le_campus_de_la_UACDemografie Benin / Westafrika

Völlig anders die Situation in Afrika. Die Normalität dort: Ein immenser Youth-Bulk – zu deutsch eine Bug-Welle junger Menschen.

SOWUTU Kurator Prof. Euloge Ogouwale:

Le Bénin a une population majoritairement jeune. Elle est de plus en plus scolarisée mais insuffisamment formée professionnellement. Par conséquent, le chômage frappe durement plus de 60 % de la population dont les jeunes ayant moins de 35 ans représentent 72 %. 

Benin hat eine mehrheitlich junge Bevölkerung. Sie ist in zunehmendem Maße schulisch und universitär beschult, aber nur unzureichend beruflich ausgebildet. Im Ergebnis sind 60 % der Bevölkerung arbeitslos. Der Anteil unter 35jähriger an diesen 60 %  beträgt 72 %.

D. h. dass fast dreiviertel aller beninischen Arbeitslosen unter 35 Jahre alt sind.

Risikolage

Man hat bereits in der benachbarten Côte d’Ivoire erleben müssen, wohin der Treibsatz junger Arbeitsloser führen kann. Die nördliche Rebellenbewegung und die von Charles Ble Goudé mobilisierten Jeunes Patriotes lieferten sich einen jahrelangen, erst durch externe Intervention beendeten Bürgerkrieg. Jede Seite hatte ihren Anhängern Versprechungen auf zukünftige Perspektiven gemacht. Auch die in Nigeria grassierende Boko Haram Problematik lässt sich vor dem demografischen Hintergrund besser verstehen.

In Deutschland und Europa kommen die Probleme mit zeitlicher Verzögerung als irreguläre Migration an. Abschottung ist nur ein Notbehelf gegen eine Lage, die sich dauerhaft  nur in Form verbesserter Bleibeperspektiven für junge Menschen eindämmen und kontrollieren lässt. D. h. es muss ein der Anzahl junger Menschen entsprechender Umfang an Einkommens- und Teilhabemöglichkeiten geschaffen werden.

Bedarf an Praxis und Management-Knowhow

Wegen der extrem dünn besiedelten Unternehmenslandschaft gibt es kaum Firmen, die das enorme Kontingent an jungen Arbeitslosen aufnehmen kann. Alternativ zur Karriere in einem bestehenden Unternehmen bleibt nur die Möglichkeit, selbst zu gründen. Die dafür erforderlichen Management-Skills und praktischen Fähigkeiten vom operativen Geschäft bis zur Darstellung als Businessplan sind aber selbst bei Uni-Absolventen normalerweise nicht vorhanden und müssen erst noch vermittelt werden.

Startups. Demografisch notwendig

Jedes Jahr verlassen in Benin ca. 30.000 Studierende die Universität mit einem Abschluss, der nicht mit berufliche Kompetenz in Eins gesetzt werden kann.

Diesem schwerwiegenden Mangel stellt sich Professor Ogouwale mit einem Professionalisierungs-Konzept entgegen, dass auf drei Säulen ruht: Volontariat – Entreprenatiat – Developpement, kurz VED. Aktuell werden unter der VED Leitidee fünf Studiengänge mit Praxiskomponente angeboten. Im Ergebnis soll am Ende der akademisch unterstützen Empowerment-Maßnahme die Gründung eines wirtschaftlich agierenden Unternehmens, also ein Startup, stehen.

Die fünf Bereiche sind: Kultur-, Kunst- und Handwerks-Managment, IT und Marketing, Landwirtschaft und Genossenschafts-Management, Logistik und Transport, Umwelt- und Sicherheits-Management.

Mehr Informationen gibt es auf der VED Website.

Für Entwicklung diversifizieren

Unabhängig von der demografischen Notwendigkeit sind Startups, bzw. die wirtschaftliche Diversifizierung in Form zahlreicher, unterschiedlicher mittlerer und kleinerer Unternehmen eine notwendig Voraussetzung, um Benin für ausländische Investoren interessant zu machen. Die verlangen nämlich nicht nur nach Rechtssicherheit, Stabilität, Steuer-, Lohnkosten- und Logistikvorteilen. Das Vorhandensein einer leistungsfähigen Service- und Zulieferer-Periferie stellt einen hochrangigen Standortfaktor dar. Wenn Benin und die Region diese Rahmenbedingung nicht herstellen, werden ausländische Firmen lieber weiterhin dorthin gehen, wo möglicherweise die Kosten etwas höher, aber die Businesshürden niedriger liegen. Benin befindet sich in diesem Punkt in direkter Konkurrenz mit z. B. Südafrika, China, Indien aber auch europäischen Billiglohn-Ländern.